Obwohl mein halbes Badezimmer mit Lush-Kram vollsteht, habe ich immer wieder das Bedürfnis, an dieser Firma rumzunörgeln. Wahrscheinlich weil ich immer noch nach der perfekten „Alternative“ suche ohne große Abstriche zu machen – seit sage und schreibe mindestens zwei Jahren. Aber ich fange mal vorne an…
Lush ist eine Kosmetikkette aus Großbritannien, dessen erste Filiale in Poole war. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 400 Geschäfte, davon 23 in Deutschland – Tendenz steigend. Das Unternehmen wirbt mit ökologisch angebauten und unter ethisch vertretbaren Bedingungen hergestellten Produkten, die nicht an Tieren getestet werden. Außerdem verzichtet Lush nach eigenen Angaben auf unnütze Verpackung, Plastik und nicht notwendige chemische Zusätze in ihren Kosmetika. So viel zur Theorie. Nur wie sieht’s denn aus, wenn die Marketingleuchte ausgeschaltet ist?
Was mich immer wieder wundert: Lush wirbt damit, hundertprozentig vegetarische Kosmetik herzustellen. Prinzipiell erstmal gut, weil klingt ja ökologisch korrekt und allgemein sinnvoll. Andererseits habe ich noch nie ein Shampoo gesehen, das neben Tensiden und Farbstoffen auch Mettwurst oder Salami-Extrakte enthält, meinetwegen auch Gelatine oder tierisches Lab. Wahrscheinlich soll damit nur nochmal der Aspekt betont werden, dass die Produkte tierversuchsfrei sind. Für viele Vegetarier_innen, die mir bisher so über den Weg gelaufen sind, ist das allerdings zweitrangig, wenn überhaupt. Mir ist es wichtig, auch wenn ich da manchmal inkonsequent bin und vielleicht doch mal wieder was von Unilever im Schrank landet.
Als Steigerung dessen sollen dann 70 % der Produkte vegan sein, sprich völlig frei von tierischen Produkten wie Honig oder Wollwachs. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, für diesen Eintrag alle veganen Produkte zu zählen und wirklich die Prozentzahl auszurechnen, weil ich mir sicher bin, dass hochgerundet wurde – Image und so. Im Endeffekt war mir das dann aber doch zu zeitaufwändig und zu blöd – entschuldigt.
Klingt alles noch ganz nett. Und noch besser: Lush nimmt auch kein Palmöl. Das Zeug war früher massenhaft in den Produkten enthalten, seit mehreren Monaten ist keines mehr drin – angeblich. Palmöl dient immer noch als Basis für verschiedene Tenside, zum Beispiel Natriumlaurylsulfat. Da Lush nicht nur Zuckertenside verwendet, ist davon auszugehen, dass also immer noch Palmöl enthalten ist bzw. zur Herstellung benutzt wird. Das ist wie mit Fanta: Gelatine steht nicht drauf, steckt aber trotzdem drin, weil der Orangensaft oder was auch immer das sein soll, damit geklärt wurde. Solange Palmöl nachhaltig angebaut wurde, will ich das auch nicht anzetteln, aber wenn ein Unternehmen lautstark behauptet, dass etwas nicht benutzt wird, wenn es letztendlich doch enthalten ist, ist es sicherlich egal, woher das Öl kommt, solange es in der Kasse klingelt. Wozu mir noch einfällt: Es gibt in meinen Augen keine nachhaltige Palmölnutzung, da die Pflanzen relativ schnell nutzlos sind und sowieso nur gepfuscht wird. Mehr dazu auch hier.
Zum ethischen Aspekt: Lush wirbt ja auch mit fair gehandelten Produkten bzw. Rohstoffen. Allerdings hat lediglich ein einziges Produkt das Fair-Trade-Siegel. Bei allen anderen Produkten sollen die Kund_innen auf Vertrauensbasis einkaufen. In einer E-Mail, die ich von Lush einmal bekam, wurde mir versichert, dass die Produkte nach ethischen Standards produziert seien und dass den Arbeiter_innen ein fairer Lohn bei gerechten Bedingungen gezahlt würde. Wie Unternehmen gerechte Bedingungen so definieren, finde ich allerdings fragwürdig. McDonald’s ist sicherlich auch stolz auf die (Kinder-)Arbeitsplätze in China, die durch Happy-Meal-Spielzeuge geschaffen werden. h&m ist sich auch keinerlei Schuld bewusst, wenn Arbeiterinnen in Zulieferbetrieben geschlagen werden. Würde ich eine der beiden oder auch zig andere Unternehmen fragen, wie deren soziale Verantwortung und Nachhaltigkeitsmanagement so aussehen, bekäme ich auch nur eine 20 Absätze lange E-Mail mit viel Bla-Bla. (Wobei ich mir die Schönrederei made by McDonald’s-Marketing schon live in einem Seminar anhören durfte. Ist aber ein anderes Thema und ich möchte Lush auch nicht unbedingt auf eine Stufe mit Mäcces, Procter & Gamble oder eben h&m stellen.)
Dazu kommt, dass die Mitarbeiter_innen in deutschen Shops gerade mal 7 Euro pro Stunde verdienen, wie mir eine ehemalige Mitarbeiterin erzählte. Bei einem Unternehmen, das stets und ständig die Moralkeule schwingt, kann man allerdings deutlich mehr erwarten. Dazu kommt, dass die Mitarbeiter_innen einem enorm großen Druck ausgesetzt sind, wie 2007 die Süddeutsche Zeitung schon einmal berichtete. Ob sich das mittlerweile wirklich geändert hat, kann ich persönlich nicht beurteilen. Die in den Türen eingebauten Zähler gibt es allerdings immer noch und das umsichtige Ducken der Mitarbeiter_innen, wenn sie Feierabend haben und das Geschäft verlassen, konnte ich schon mehrmals beobachten.
Dazu kommt, dass ich nicht nur einfach auf Vertrauensbasis einkaufen will, sondern gerne wissen möchte, was ich kaufe. Für Lush sollte es auch aus finanzieller Sicht kein Problem sein, diverse Siegel zu erstehen. Wenn ich mir überlege, dass eine Badekugel 5 Euro kostet, während die Produktionskosten sich auf nicht mal 25 Cent pro Stück belaufen und nur 2 % des Gewinns an wohltätige Organisationen gehen, frage ich mich, was mit dem Rest passiert. Abgesehen davon, dass es gehortet und zum weiteren Ausbau der Firma genutzt wird. Vernünftige Löhne und ein wenig Schotter für Labels sind scheinbar nicht drin – wobei die Siegel ja noch mehr Publicity einheimsen dürften.
Was den Verpackungsmüll angeht: Positiv anzumerken ist, dass die festen Produkte wirklich nur in Papier verpackt werden wie der Käse von der Theke. Warum mir jedes Mal mindestens zwei Mini-Produkte in Plastikschale UND Plastiktütchen in die Hand gedrückt werden müssen, verstehe ich bis jetzt noch nicht. Das fände ich selbst bei den großen Produkten sinnvoller, auch wenn mir die Papier-Verpackungen völlig reichen. Aber für 15 ml Shampoo muss ich keine Plastikdose bedrucken und nochmal in eine gesonderte Tüte stopfen.
Weiterhin finde ich die Standortwahl teilweise sehr ungewöhnlich. Im Forum wurde mir gesagt, dass die Standorte, an denen es keinen Öko-Strom gibt, halt einfach keinen solchen beziehen. Punkt. Beispiele dafür sind eben Einkaufszentren, in denen die Stromversorgung zentral abläuft. Laut Angaben der Administratorin laufen aber wohl alle Shops, die selbstbestimmt Strom beziehen, mit Öko-Strom. Zitat dazu:
Es sind alle Shops und HQ auf grünen Strom umgestellt worden.
Allerdings auf regionale Anbieter, die teilweise auch zu großen konventionellen Konzernen gehören und anderen konventionellen Strom auch anbieten.
Die Stromrebellen (EWS Schönau) und die wirklich unabhängigen ausschließlich Ökostrom anbietenden Firmen hätten wir gern genommen, da ging es aber leider nicht, all unsere Shops zu bedienen. Im Essener Hauptbahnhof wird zum 1.1.2011 auch Ökostrom bezogen, da wir dort de Strom der Dt. Bahn nutzen müssen und die erst ab Januar Ökostrom anbieten.
Quelle
Allzu viele Läden kenne ich nicht, aber der in Köln liegt zum Beispiel in einer Einkaufsstraßen zwischen Geschäften wie Deichmann oder h&m, genau wie der in Leipzig. Die Berliner Shops sind nicht wirklich passender hingesetzt worden. Lush in der Friedrichstraße befindet sich direkt neben Fossil, die haufenweise Zeug aus Leder und Pelz verkaufen. Hat auf mich den gleichen Effekt wie eine Bio-Molkerei neben einem Schlachthof, der zu Wiesenhof gehört.
Aber was mich ja immer noch am meisten aufregt, sind die geschönten INCIs. Keine unnötige Chemie, keine schädlichen Zusätze usw. In dem Punkt sage ich mir dann allerdings immer, dass Lush halt auch nichts anderes als eine halbherzige Alternative zur Standard-Kosmetik ist. Beispielsweise sind die Produkte vollgestopft mit Parabenen, Parfum, diversen Farbstoffen sowie anderen hübschen Wundermitteln der modernen Kosmetikindustrie. Schwer abbaubare EDTA steckt mittlerweile nicht mehr drin. Ich bin keine Chemikerin oder Laborassistentin, aber ich finde, bei einigen Begriffen, die so auf Etiketten stehen, sollten wir alle zusammenzucken und uns fragen, ob wir uns das wirklich an alle Körperstellen schmieren wollen. Wenigstens stecken weder Silikone noch Paraffinöle in den Produkten. Als ich das erste Mal von dem Zeug gelesen habe, was mittlerweile drei Jahre her sein dürfte, hätte ich am liebsten die komplette Dusche leergeräumt und alles weggeschmissen. Wenn ich heute John Frieda, Pantene Pro-V oder Gliss Kur im Duschinventar anderer Menschen sehe, überkommt mich schon leichte Übelkeit.
In diesem Sinne bleibt mir nichts weiter als Kopfschütteln und Halbherzigkeit. Auf Super-Öko-Zeugs, so bösartig es auch klingen mag, habe ich nämlich keine Lust. Das meiste Zeug davon stinkt nach Alkohol oder übertrieben nach diesen Duftölen, die en masse reingeknallt wurden, um den Alkoholgeruch zu überdecken oder um einen nicht vorhandenen Geruch mit einem zu ersetzen, der der heutigen Kosmetikindustrie gewachsen sein soll. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Umso größer der Absatz der Firmen wird, umso größer wird auch das Marketing. Schließlich muss im Laufe der Entwicklung gespart werden, um den Gewinn zu erhöhen. Da sind die Reinemacher_innen von Weleda, Santé und Alverde auch nicht besser.
Und nun? Erstmal parfümierten Tabak rauchen, einen Apfel aus dem Discounter essen und später das Gewissen mit Lush reinwaschen – oder eben auch nicht. Ich bin eben auch nicht besser als der Rest.